Kommerzialisierung Im Sport Definition Essay

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kom­mer­zi­a­li­sie­ren

Wortart: ℹschwaches Verb

Häufigkeit: ℹ▮▮▯▯▯

Rechtschreibung

Worttrennung: kom|mer|zi|a|li|sie|ren

Bedeutungsübersicht

kulturelle Werte wirtschaftlichen Interessen unterordnen, dem Streben nach Gewinn dienstbar machen

Beispiele

  • altes Brauchtum wurde kommerzialisiert
  • <häufig im 2. Partizip>: der kommerzialisierte Sport

Aussprache

Betonung: kommerzialisieren
Lautschrift: [kɔmɛrtsi̯aliˈziːrən]

Herkunft

französisch commercialiser = handelsfähig machen, zu: commerce, Kommerz

Grammatik

schwaches Verb; Perfektbildung mit »hat«

PräsensIndikativKonjunktiv IImperativ
Singularich kommerzialisiereich kommerzialisiere 
 du kommerzialisierstdu kommerzialisierest kommerzialisier, kommerzialisiere!
 er/sie/es kommerzialisierter/sie/es kommerzialisiere 
Pluralwir kommerzialisierenwir kommerzialisieren 
 ihr kommerzialisiertihr kommerzialisieret
 sie kommerzialisierensie kommerzialisieren 
PräteritumIndikativKonjunktiv II
Singularich kommerzialisierteich kommerzialisierte
 du kommerzialisiertestdu kommerzialisiertest
 er/sie/es kommerzialisierteer/sie/es kommerzialisierte
Pluralwir kommerzialisiertenwir kommerzialisierten
 ihr kommerzialisiertetihr kommerzialisiertet
 sie kommerzialisiertensie kommerzialisierten
Partizip I kommerzialisierend
Partizip II kommerzialisiert
Infinitiv mit zu zu kommerzialisieren

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Die unzähligen Skandale im Sport wühlen die Menschen auf, weil sie in ihm nach einer Reinheit suchen, die sie im Leben nicht finden. Von Georg Diez

Sport ist ein Spiegel der Welt. Der Fan spiegelt sich in seinem Idol, das er von der Tribüne aus hingebungsvoll bewundert. Der Vater spiegelt sich in dem Sohn oder der Tochter, die er vom Spielfeldrand aus gnadenlos anfeuert. Der Funktionär spiegelt sich in dem System, das er von Hinterzimmern aus peinlich genau kontrolliert.

Vor allem aber spiegelt sich im Sport die jeweilige Zeit. Sport ist schließlich ein ernstes Spiel. In der Theorie ist er frei vom Einfluss von Wirtschaft oder Politik. In der Praxis ist er die Verdichtung von Wirtschaft und Politik. Lange hat das Publikum das zwar gewusst, aber hingenommen. Die Fiktion hatte ihre Macht: saubere Sieger. Fairness als Utopie.

Seit einer Weile ist das anders, und das hat ebendamit zu tun, dass sich die Zeiten geändert haben. Die Menschen wissen mehr, sie erwarten mehr, sie sind kritischer geworden, sie lehnen Olympia in Hamburg ab, weil ihnen das Geschacher um das Großsportfest zu dubios und das Event an sich zu teuer erscheint. Und sie haben gleichzeitig immer größere Angst, enttäuscht zu werden. Sie suchen Wahrheiten, sie brauchen Wahrheiten, und sei es der Blick auf die Tabelle. Sie wollen nicht mehr betrogen werden, sie wollen die Wahrheit hören über die Fifa, über das Sommermärchen, über die Machenschaften in der Leichtathletik.

Doch auch wenn es absurd klingt: Der Sport war wohl noch nie so sauber und so ethisch wie heute. Wenn man sich die Vergangenheit des Sports anschauen will, das Pharmazän, dann findet man diese noch in einer Disziplin wie dem Gewichtheben, einer sinnbildlich absurden Sportart, Männer in antikisch anmutenden Windelanzügen, die übergroße Hanteln stemmen, alle Metaphorik der Verzweiflung liegt darin, Atlas, der die Welt trägt – jeder zehnte Teilnehmer war bei der letzten WM gedopt, ein Gewinner nach dem anderen musste seine Medaille zurückgeben.

Das wird verschwinden im Kuriositätenkabinett der Sportgeschichte, wie Kugelstoßen oder Diskuswerfen, wie das Zwergenwerfen von den Jahrmärkten. Wer die Zukunft des Sports sehen will, der muss sich zum Beispiel die Videos dieser Verrückten anschauen, die sich in bunten Anzügen, Wingsuits genannt, von Klippen stürzen und wie Vögel durch die Lüfte schießen. Skateboard, Snowboard, Wellenreiten: Die Eleganz und die Raffinesse nehmen zu im Sport, auch das ist ein Spiegel der Welt, die mehr Entertainment verlangt und weniger rabiate oder halb militarisierte Wettkämpfe. Alles soll weicher sein und fließender.

Es sind nicht mehr die politisierten Schlachten, die die Menschen faszinieren, wie noch im Kalten Krieg, als das Wettrüsten der Weltmächte USA und UdSSR seine Entsprechung im Wettrüsten der Sportler fand, vorangetrieben nicht nur im Ostblock mit brutalen Dopingmethoden. Und es sind auch nicht mehr echte Faschisten wie der langjährige Chef des Internationalen Olympischen Komitees, Juan Antonio Samaranch, die im Weltsport das Sagen haben, sondern mehr zähe Schlawiner wie der inzwischen suspendierte Fifa-Chef Joseph Blatter. Was früher Politik war, ist heute Kommerz.

Denn die Bedeutung des Sports hat sich gewandelt im frühen 21. Jahrhundert, er ist eine Art Leitkultur geworden, ein globalisiertes Sinnstiftungsangebot in einer unübersichtlichen, unsicheren Zeit. Und ein Riesengeschäft. Der Sport war schon immer Teil der Welt, und deshalb verwandeln sich heute eben Mannschaften in weltweite Marken, was man bildungsbürgerlich beklagen kann, was aber die Millionen nicht stört, die in die Stadien drängen oder sich die Spiele im Bezahlfernsehen anschauen.

So oft wurde der Sport überfrachtet, mit Bedeutung, mit Erwartungen, mit Enttäuschungen. Er sollte anders sein, eine Welt außerhalb dieser Welt. Das ist die Sehnsucht nach der Reinheit des Sports, der damit eine moralische Komponente bekommt, die er nicht verdient und die er nicht einlösen kann. Die Kommerzialisierung des Sports ist eben die Kommerzialisierung der Welt, die Korruption des Sports ist die Korruption der Welt. Es ist deshalb nicht falsch, wegen Korruption zu ermitteln. Es ist nur falsch, überrascht zu sein. Das ist nicht zynisch. Es ist der Realismus, den der Sport auch lehrt.

Die Menschen werden deshalb nicht aufhören, im Sport nach der Reinheit zu suchen, die sie in der Welt und im Leben nicht finden. Sie werden nicht aufhören, ihre Sehnsüchte auf Männer und Frauen zu projizieren, die schnell rennen können oder gut am Ball sind.

Und warum auch? Ernste Spiele sind ein wesentlicher Teil des zivilisatorischen Erbes, seit der Mann von Marathon tot umfiel. Die Poesie und die Probleme der Welt finden sich hier konzentriert, es sind die Dramen, die wir wollen, weil es unsere eigenen sind.

Wir sollten nur einsehen: Der Sport ist ein zerbrochener Spiegel. Die Schönheit liegt gerade in diesen Scherben. ■

Von Georg Diez

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